Der 9. November als schicksalhaftes Datum der deutschen Geschichte - Bonner Erklärung

Am 7. November 2009 hat die Vereinigung Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. auf ihrer Mitgliederversammlung im Rathaus der Stadt Bonn die folgende Erklärung verabschiedet:

Der 9. November ist ein schicksalhaftes Datum in der deutschen Geschichte. In diesem Jahr erinnern wir uns vor allem an die friedliche Revolution in der DDR vor 20 Jahren und an den durch sie ausgelösten Fall der Berliner Mauer. Im Jahr 1989 trieb die Sehnsucht nach Freiheit zahlreiche mutige Bürgerinnen und Bürger dazu, gegen das Unrechtsregime der SED aufzubegehren. Breite Teile der Bevölkerung schlossen sich der Bürgerrechtsbewegung an, drängten auf die Straßen und Plätze, skandierten „Wir sind das Volk!“ und überwanden schließlich die kommunistische Diktatur.

Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass der 9. November auch für andere Ereignisse der deutschen Ge-schichte steht, derer es zu gedenken gilt: Die Revolution vom 9. November 1918 bildete den Auftakt für den ersten Versuch, auf deutschem Boden ein demokratisches System aufzubauen. Doch die in der Folgezeit etablierte Weimarer Republik erwies sich als wenig stabil und war steter Bedrohung von Extremisten ausge-setzt – dies zeigte nicht zuletzt der Hitler-Putsch vom 9. November 1923. 1933 übernahmen die Nationalso-zialisten die Macht und errichteten ein verbrecherisches System, dessen menschenverachtender Charakter wiederum an einem 9. November, dem des Jahres 1938, besonders deutlich wurde. An diesem Tag brannten in Deutschland Synagogen, wurden jüdische Geschäfte und Wohnhäuser geplündert und zehntausende jüdische Bürgerinnen und Bürger in Konzentrationslager gesperrt. Damit hatte die systematische Verfolgung der Juden eine neue Dimension erreicht. Sie gipfelte schließlich in der fast vollständigen Auslöschung des europäischen Judentums. Die Erinnerung an diese Zeit ist und bleibt ein wesentliches Anliegen unserer Vereinigung. Hieraus erwächst die Verpflichtung, für unser demokratisches Gemeinwesen einzutreten und extremistische Bestrebungen, die es bedrohen, zu bekämpfen.

Die Teilung Deutschlands war auch ein Resultat des verbrecherischen Zweiten Weltkriegs, mit dem das Deut-sche Reich Europa überzogen hatte und der mit der totalen Niederlage des NS-Regimes und mit der Befreiung unseres Landes von der Diktatur endete. Während sich danach in einem Teil Deutschlands eine freiheitliche Demokratie entwickeln konnte, die ihren ersten Höhepunkt in der Verabschiedung des Grund-gesetzes vor 60 Jahren erfuhr, etablierte sich im anderen Teil eine kommunistische  Diktatur. Deren Herr-schaftsformen wandelten sich zwar im Laufe ihrer Existenz, in der Substanz aber blieb die DDR ein Staat, in dem Unrecht, Willkür, Verfolgung und Unfreiheit vorherrschten. Das Erinnern und Gedenken daran und die Unterstützung von Opfern und Benachteiligten des SED-Regimes ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Siche-rung und Stärkung der Demokratie, den wir weiterhin leisten werden.

Das Ende der kommunistischen Diktatur hat in beiden Teilen Deutschlands große Freude ausgelöst: Freude über die friedliche Überwindung einer verordneten, unfreiwilligen Trennung auf allen Ebenen des öffentli-chen und privaten Lebens; Freude über eine wieder gewonnene Freiheit, die allen Deutschen auch neue Chancen und Möglichkeiten bot. Die vielfältigen Herausforderungen in der Folgezeit, enttäuschte Hoffnun-gen und die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Gegenwart dürfen die Erinnerung an die kollektiven Momente der Freude nicht verblassen lassen.

Die friedliche Revolution in der DDR steht in der Tradition deutscher Freiheitsbewegungen wie der Revolu-tion von 1848 oder dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953.  Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. hält es deshalb für seine besondere Aufgabe, diese Revolution und ihre entscheidenden Wegmarken – die Mas-sendemonstrationen von Plauen über Leipzig bis Rostock und vielen anderen Städten der DDR und der Mauerfall am 9. November – als Symbole der deutschen Freiheitsgeschichte dauerhaft im gesamtdeutschen Geschichtsbewusstsein zu verankern. 

Bonn, 7. November 2009