Berliner Erklärung

I. 
Aus der Vergangenheit erwächst Verantwortung

Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. wurde 1993 vor dem Hintergrund schwerster fremdenfeindlicher Ausschreitungen gegründet. Die rassistischen Übergriffe in verschiedenen Städten Deutschlands, die zum Teil sogar Todesopfer forderten, hatten die Erinnerung an ein dunkles Kapitel unserer Geschichte wachgerufen. Mit dem Credo des „Nie wieder!“ machte es sich die Vereinigung zur Aufgabe, historische Erinnerungsarbeit mit konkretem Einsatz für die Demokratie zu verbinden und so ein klares Zeichen gegen jede Form von politischem Extremismus zu setzen.

Auch wenn seitdem eine Kultur des Erinnerns entstanden ist und Staat und Zivilgesellschaft menschenfeindlichen Einstellungen entgegentreten, hat sich an der Zielsetzung der Vereinigung nichts geändert. Vor allem die erschreckende Mordserie der NSU-Gruppe zeigt: Die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus hat leider nicht an Dringlichkeit verloren. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. strebt eine Gesellschaft der Vielfalt und des gegenseitigen Respekts an. Die Vereinigung tritt für eine Stärkung der Demokratie ein, nicht nur als Institution, sondern auch als Lebensform. Arbeitsschwerpunkte sind die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen, dem Unrecht des SED-Regimes, sowie Widerstand und Opposition in den Jahren 1933 bis 1945 und 1945 bis 1989. Ebenso bedeutend ist die Beschäftigung mit politischem Extremismus sowie die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements und politischer Teilhabe.

Aufklärung über Vergangenheit im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft bleibt eine zentrale Aufgabe von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Inhalte und Methoden, mit denen die Vereinigung arbeitet, müssen jedoch auch in Zukunft immer wieder überprüft und weiterentwickelt werden.

 

II. 
Das „Für“ stärken

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und aktive Demokratiegestaltung setzt Sensibilität für gesellschaftliche Entwicklungen – auch gegenüber Fehlentwicklungen – voraus. Für die Zukunft erscheint es deshalb sinnvoll, das Augenmerk auch auf folgende Punkte zu lenken und sowohl Erinnerungs- wie Präventionsarbeit im Sinne der Demokratiestärkung auszurichten:

 

a) Demokratiegeschichte erfahrbar machen

Fundierte Kenntnisse über die verbrecherische Politik des Nationalsozialismus, insbesondere des Holocaust, sowie das SED-Unrecht sind wesentlicher Bestandteil eines kollektiven politisch-kulturellen Wissens, ohne den das Hier und Heute nicht verstanden werden kann. Zugleich erscheint es uns wichtig, künftig noch mehr als bisher auf die positiven Ereignisse und Phasen der Geschichte hinzuweisen, in denen versucht wurde, als ungerecht empfundene Strukturen durch politisches Handeln zu überwinden und demokratische Strukturen aufzubauen. Die Beschäftigung mit dieser Geschichte zeigt, dass die Demokratie immer wieder neu gelebt werden muss und in manchen Hinsichten selbst dem Wandel unterliegt, der verantwortlich zu gestalten ist. Menschen haben mit Leidenschaft für die Demokratie gekämpft und sich nicht selten unter hohem persönlichem Risiko für deren Durchsetzung und Verteidigung eingesetzt. Dieses persönliche Engagement auch im Sinne einer Vorbildfunktion stärker hervorzuheben, kann eine der zukünftigen Aufgaben der Vereinigung sein. Es gilt, die demokratischen Traditionen zu identifizieren und – etwa durch entsprechende Erinnerungsorte – lebendig zu halten.

 

b) Europäisch erinnern und handeln 

Sprechen wir über „unsere Geschichte“, sprechen wir immer auch über europäische Geschichte. Der Blick auf unsere Nachbarländer und ihr Blick auf uns können helfen, die eigene Perspektive zu weiten, historische Ereignisse einzuordnen und nicht zuletzt die Möglichkeiten des Umgangs mit der Geschichte zu reflektieren. Darüber hinaus ergeben sich aus einer europäischen Sichtweise heraus neue Handlungsoptionen in der Auseinandersetzung mit politischem Extremismus. Gefährdungen der Bürgerrechte und menschenfeindliche Einstellungen machen nicht vor Ländergrenzen halt.

In transnationaler Kommunikation und Zusammenarbeit sollten künftig neue Aufgaben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. begründet liegen: Im Eintreten für gemeinsame Werte, dem wechselseitigen Abbau von verfestigten Vorurteilen – für ein europäisches demokratisches Miteinander.

 

c) Für verantwortliche Teilhabe werben

Demokratie als „government of the people, by the people, for the people” ist unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu leben. Die repräsentative parteienstaatliche Demokratie ist dafür auch künftig die unverzichtbare Grundlage. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. setzt sich jedoch für eine Stärkung unserer Demokratie durch mehr verantwortliche Teilnahme ein. Dabei ist völlig klar, dass keine Einzelmaßnahme die Lösung bringen kann, vielmehr Stärkung der Demokratie auf verschiedenen Ebenen anzusetzen hat. Unabdingbar dafür ist ein politischer Diskurs, der durch Offenheit und gegenseitigen Respekt gekennzeichnet ist. Dies sollte auch für die Medien gelten.

Als grundlegend betrachten wir die Förderung politischer Partizipation. Diese sollte sich nicht ausschließlich auf bestimmte Sachverhalte und persönliche Interessen beziehen. Erforderlich ist ein gemeinwohlorientiertes und kontinuierliches Engagement. Gleichzeitig gilt es, ein realistisches Verständnis von Politik zu fördern, das ebenso überzogene Erwartungen meidet wie eine vorschnelle Selbstbegrenzung, die sich etwa in einem Pragmatismus zeigt, der keine Alternativen kennt. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. sieht es als Aufgabe an, die Bürgerinnen und Bürger an ihre Mitverantwortung zu erinnern und gegenüber Verantwortlichen in Politik und Öffentlichkeit für eine kontinuierliche Einbeziehung der Bevölkerung einzutreten. Die Teilhabe an politischen Prozessen ist der beste Weg für den Einzelnen, eine politische Identität auf Basis der Grundwerte der Demokratie zu finden.

 

d) Vielfalt als Chance begreifen

Wir werden auch künftig jeder Diskriminierung von Gruppen und Minderheiten - seien es Juden, Sinti und Roma, Muslime u.a. - entgegentreten. Es ist eine der vorrangigen Aufgaben der Vereinigung weiter daran zu arbeiten, dass sich Menschen jeder Herkunft und Lebensweise in Deutschland nicht nur sicher, sondern vor allem auch zu Hause fühlen können. Wir sollten noch mehr als bisher die sich verändernde Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland als Chance begreifen, die positiven Qualitäten von Demokratie und Bürgergesellschaft verdeutlichen und Engagementmöglichkeiten aufzeigen. Eine heterogen zusammengesetzte Bevölkerung mit unterschiedlichen Herkünften und Erfahrungen stellt neue und andere Anforderungen an den Umgang mit Geschichte und an die politische Bildungsarbeit. Diesen Anforderungen gerecht zu werden und entsprechende Formen zu entwickeln sowie umzusetzen, stellt eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre dar. Ein erstes Vorhaben konnte Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. bereits umsetzen: die 360seitige Materialiensammlung „Praktische Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft“ für Lehrer und Multiplikatoren.

 

III. 
Bürgergesellschaftliches Engagement bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.

Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. versteht sich als Plattform, auf der sich Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Richtungen zusammenfinden, diskutieren und über gemeinsame Positionen und Forderungen verhandeln. Dabei einen uns gemeinsame Werte und historische Erfahrungen.

Wie ein öffentlicher Marktplatz lebt Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. von der Vielfalt und dem Engagement der Menschen. Unsere Vereinigung macht dieses vielfältige bürgerschaftliche Engagement sichtbar. Wir vernetzen uns mit Kooperationspartnern und lassen uns von den Erfahrungen anderer inspirieren. Wir entwickeln Angebote zur historisch-politischen Bildung, ergreifen politische Initiativen und bieten Einzelpersonen und Gruppen, die sich bürgerschaftlich engagieren, ein Podium.

 

a) Wissensvermittlung – lokal und ehrenamtlich

Mit seiner Strukturierung in 32 Regionale Arbeitsgruppen und Sektionen ist Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in besonderem Maße regional und lokal verankert. Dies ist ein vielversprechender Ansatz der Geschichts- und Erinnerungsarbeit. Wir setzen uns vor Ort mit Geschichte und Gegenwart auseinander: Die Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. führen jährlich ehrenamtlich über 300 Veranstaltungen und Projekte durch. Das Spektrum der Veranstaltungsformen und Initiativen ist breit und reicht von Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Zeitzeugengesprächen über Filmvorführungen, Ausstellungen und Konzerten bis zu Gedenkstättenfahrten oder Schülerprojekten.

 

b) Information und Beratung – serviceorientiert

Wir bieten konkrete Unterstützung bei fachlichen Fragen: Die Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie stellt verschiedene Angebote zur Verfügung, die interessierten Bürgern Informationen und Ansprechpartner vermitteln, Multiplikatoren in der Bildungsarbeit unterstützen und Ratsuchenden zur Seite stehen. Es handelt sich um fachlich fundierte Hilfestellungen für die historische Bildungsarbeit oder die Bewältigung von Extremismusproblemen sowie um Informationen zu Möglichkeiten des Engagements.

 

c) Überzeugungsarbeit in Politik und Gesellschaft

Wir vertreten politische Anliegen und melden uns deshalb auch öffentlich zu Wort. Als Vereinigung, in der sich Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten politischen und gesellschaftlichen Richtungen engagieren, wirkt Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. zugleich als kompetenter Berater auf verschiedenen politischen Ebenen. In vertrauensvollen Fachgesprächen mit Entscheidungsträgern bringt Gegen Vergessen – Für Demokratie Anliegen und Wissen in die politische Willensbildung ein.

 

 

IV.

Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. steht heute wie vor 20 Jahren für eine wache Gesellschaft, die um ihre Vergangenheit weiß und ihre Verantwortung  nicht beiseiteschiebt. Wir halten die Erinnerung daran lebendig, um auf diesem Fundament für das hohe Gut der Demokratie in der Gegenwart zu streiten. Unsere Vereinigung ist Teil des vielfältigen bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland.

Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, sich für unsere Gesellschaft einzusetzen, sich zu engagieren und Demokratie nicht nur zu propagieren sondern zu leben. Für eine Gesellschaft in Vielfalt, in der Respekt die Grundmaxime des Handelns ist. Für eine Gesellschaft, in der Herabwürdigung, Ausgrenzung und Gewalt keinen Platz haben.