Theaterprojekt „Kinder des Holocaust“

Im Rahmen des von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ geförderten Projektes „Kinder über den Holocaust“ entstand in den Jahren 2006 bis 2008 die Quellenedition „Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944-1948“, in der zum ersten Mal in deutscher Sprache eine Auswahl von 55 Berichten jüdischer Kinder veröffentlicht wurde, die den Holocaust versteckt oder in Lagern überlebt hatten und unmittelbar nach Ende der Kriegshand-lungen in Polen von Jüdischen Historischen Kommissionen zu ihren Erlebnissen während des Krieges befragt worden waren.

Schon während der Arbeit an der Quellenedition wurde die Idee geboren, die editierten Kinderberichte zur Grundlage einer Theaterinstallation für Jugendliche zu machen. Elisabeth Kohlhaas, Mitarbeiterin des Zentrums für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig und Mitherausgeberin der Quellenedition, entwickelte die Projektidee weiter und stellte den Kontakt zwischen Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und dem Theater der Jungen Welt her. Ziel des Projekts war es, jungen Menschen einen Zugang zum Thema Holocaust zu ermöglichen, den sie so im Unterricht normalerweise nicht erfahren. Dabei ging es um die Eröffnung von Denk- und Assoziations-räumen. Die Zuschauer sollten mit Hilfe der Theatercollage ihre eigenen Bild- und Gedankenwelten finden und sich so vielleicht sehr viel aktiver, gegenwartsbezogener und auch emotionaler mit der Vergangenheit auseinandersetzen, jenseits von schulischem Faktenwissen und medialen Bildern.

Mit der Theaterinstallation „Kinder des Holocaust“, die am 17. Mai 2009 in Leipzig Premiere feierte, hat das Theater der Jungen Welt neue Maßstäbe des künstlerischen und jugendgemäßen Umgangs mit dem Thema Holocaust und Erinnerung gesetzt. Die Idee, den wieder in die Interviewform zurückgesetzten Überlebensberichten der jüdischen Kinder die Assoziationen heutiger Jugendlicher zum Thema Holocaust gegenüberzustellen und als weitere Ebene die Reflexion der Jugendlichen über ihre Annäherung an die Überlebensberichte hinzuzufügen, wurde so umgesetzt, dass daraus eine Theatercollage entstanden ist, die Jugendlichen einen Zugang zum Thema jenseits der sonst üblichen kognitiven Wissensvermittlung eröffnet. Der Intendant des Theaters der Jungen Welt, Jürgen Zielinski, bezeichnete die Collage als eines der spannendsten Projekte seiner Theaterlaufbahn, weil sie einherging mit frucht-bringenden Diskussionen zur künstlerischen Darstellung und Bearbeitung des Themas Holocaust.

Die Theaterinstallation „Kinder des Holocaust“, wurde von der Presse ausschließlich positiv gewürdigt, sie wurde u.a. als „gelungene Inszenierung“ (dpa) und überzeugender „Drahtseilakt zwischen tief greifender Sprachlosigkeit und verspielter Gegenwartsproblematik“ (Leipzig-Almanach) gelobt.

2010 konnten weitere Aufführungen realisiert werden.
Das Theater der Jungen Welt gastierte am 6. Januar 2010 mit der Theaterinstallation „Kinder des Holocaust“ im Krakauer Teatr Groteska vor überwiegend jugendlichem Publikum (250 Personen). Das Groteska Theater, ein Theater für Figuren, Masken und Schauspiel, ist ein in Krakau sehr beliebtes Theater, bekannt u.a. für seine vielfältigen Aufführungen für Kinder und sein Open-Air-Programm auf dem Krakauer Marktplatz. Die Aufführung fand in Anwe-senheit des deutschen Generalkonsuls in Krakau, Heinz Peters, statt, der sehr beeindruckt war. Dass auch die polnischen Jugendlichen von der Theaterinstallation begeistert und ergriffen waren, zeigen die Rezensionen, die einige der polnischen Schülerinnen und Schüler nach der Vorstellung verfasst haben.

Der besondere Erfolg des Theaterprojekts zeigt sich jedoch nicht nur an seiner öffentlichen Wahrnehmung, sondern an seiner nachhaltigen Wirkung. Aufgrund der positiven Presseberichte wurde das Theater der Jungen Welt mit der Theatercollage „Kinder des Holocaust“  zum „Heidelberger Stückemarkt“ eingeladen, einem renommierten Theater-festival, das in diesem Jahr den Themenschwerpunkt „Judentum“ hatte. In Heidelberg wurde „Kinder des Holocaust“ am 2. und 3. Mai 2010 gezeigt.
Im Juni 2010 fand ein weiteres Gastspiel des Theaterprojekts am Münchner „SCHAUBURG - Theater der Jugend“ in Anwesenheit unseres Gründungsvorsitzenden Dr. Hans-Jochen Vogel statt, der den Kontakt zwischen dem Münchner Theater und dem  Theater der Jungen Welt Leipzig hergestellt hatte.

Vom 10.-15. Oktober 2010 gastierte das Theater der Jungen Welt Leipzig mit der Theater-Collage „Kinder des Holocaust“ im Herzliya Theater in Herzliya, Israel. Das Gastspiel fand auf Einladung des Goethe-Instituts Tel Aviv statt. Der Leiter des Goethe-Institutes in Tel Aviv, Dr. Georg M. Blochmann hatte an der Premiere von „Kinder des Holocaust“ am 17. Mai 2009 in Leipzig teilgenommen und war von der Aufführung so begeistert, dass er sich dafür einsetzte, das Theater der Jungen Welt mit „Kinder des Holocaust“ nach Israel einzuladen. Die Aufführung in Israel war ein Experiment, aber eines, das insgesamt positiv aufgenommen wurde. Oft wurde gelobt, allein der Umstand, dass sich deutsche Jugendliche auf eigene Art einen Zugang zum Thema erarbeitet haben, sei produktiv und gut. Manche, gerade Ältere, äußerten gar ihre Dankbarkeit für den Auftritt. Besonders bewegend waren Begegnungen mit Menschen, die der Shoa entkamen. „Ich bin ein Kind des Holocaust“, meinte eine Dame später. Und fügte hinzu: „Das wollte ich bei der Diskussion aber nicht sagen, weil es nicht um mich, sondern um die Jugendlichen geht.“ Sogar das ZDF berichtete in den heute-Nachrichten über die Aufführung.
In Verbindung mit dem Schwerpunktprojekt „Kinder über den Holocaust“ fanden auch Lesungen und Gespräche statt.