Geschichtsforum 1989-2009

Vom 28. bis zum 31. Mai  2009 besuchten etwa sechstausend Menschen das „Geschichtsforum 1989 | 2009: Europa zwischen Teilung und Aufbruch“, das unter dem Motto "Wir müssen reden" und mit Bundespräsident Horst Köhler als Schirmherr an den vier letzten Maitagen in der Humboldt-Universität, im Deutschen Historischen Museum (DHM), im Maxim Gorki Theater und auf den angrenzenden Freiflächen stattfand. Insgesamt wurden über 200 Einzelveranstaltungen angeboten, ausgerichtet von Partnerinstitutionen, Projekten und Initiativen aus dem In- und Ausland, die sich mit der Zeitenwende 1989 in Deutschland und Osteuropa sowie mit ihrer Vor- und Nachgeschichte beschäftigten.

Zu den Organisatoren des Geschichtsfestivals gehörte neben der Bundeszentrale für politische Bildung, der Kulturstiftung des Bundes, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam auch Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Für die Koordination des Wortprogramms aus 150 Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops war Henrik Bispinck verantwortlich, der seit Januar 2008 in der Geschäftsstelle der Vereinigung als wissenschaftlicher Referent tätig ist. Darüber hinaus war Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. auch an vielen Einzelveranstaltungen direkt beteiligt. So diskutierte z.B. Joachim Gauck bei der Eröffnungsveranstaltung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums u.a. mit der Schriftstellerin Jana Simon, dem britischen Historiker Timothy Garton Ash und dem Schriftsteller und Präsidenten des Internationalen P.E.N.-Clubs, Jiří Gruša, über das Thema „Aufbruch – Abbruch – Zusammenbruch: Was war und wem gehört 1989?“. Joachim Gauck sprach dabei auch über eine gewisse Ernüchterung nach 1989, die trotz des gelungenen Aufbruchs die Demokratie insbesondere im deutschen Osten zu beobachten sei. Die „spontane helle Freude“ fehle, konstatierte Gauck, und sprach damit ausdrücklich auch über sich selbst. Die Ostdeutschen hätten mit 1989 eben auch „die Sehnsucht verloren, die uns in all den Jahren stark gemacht hat – man kann eben nicht beides haben: das Ziel und die Sehnsucht nach dem Ziel.“

Der stellvertretende Vorsitzende unserer Vereinigung, Prof. Dr. Bernd Faulenbach, nahm an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Geteilte Erinnerung in einem vereinten Europa“ teil, in der über Diktaturaufarbeitung, Opferkonkurrenz und Erinnerungskultur diskutiert wurde. Zudem beteiligte er sich gemeinsam mit Markus Meckel an der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „Von der Neuen Ostpolitik zur Überwindung der Spaltung Europas“. Vorstandsmitglied Prof. Dr. Alfons Kenkmann moderierte eine Veranstaltung der Lehreinheit Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar der Universität Leipzig über Jugendkulturen in Mitteldeutschland zwischen Weltkrieg und Wiedervereinigung, während Vorstandsmitglied Ulrike Poppe als Zeitzeugin über ihre Oppositionsarbeit berichtete und außerdem eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Treibende oder Getriebene? Zur Rolle oppositioneller Bewegungen in den osteuropäischen Regimewechselprozessen“ leitete. Auch zwei Regionale Arbeitsgruppen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. waren mit eigenen Veranstaltungen am Geschichtsforum beteiligt:  Die RAG Westfalen führte gemeinsam mit der Villa ten Hompel Münster einen Workshop mit dem Titel „Niemand hat die Absicht, unsere Demokratie zu kritisieren…“ durch, während Lothar Tautz, Sprecher der RAG Sachsen-Anhalt, das gemeinsam mit dem Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Sachsen-Anhalt durchgeführte Schulprojekt „Vom Prager Frühling 1968 zum Revolutionsherbst 1989“ präsentierte (siehe ausführliche Berichte zu beiden Veranstaltungen in der Rubrik „Aus unserer Arbeit“).

Das Geschichtsforum machte insgesamt deutlich, dass die Welt verändernden Ereignisse von 1989 nicht nur Teil der europäischen Vergangenheit sind, sondern auch Denkanstoß für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft sein können. Ihre Utopie sei eine „transnationale Demokratie“, sagte die junge Rechtsphilosophin Sabine Müller-Mall bei einer Diskussion zu gesellschaftlichen Zukunftsentwürfen. So wurde auf dem Geschichtsforum auch viel über die Zukunft diskutiert, während die Besucher auf der anderen Seite Einblicke in eine – vor allem für das jüngere Publikum – oft fern wirkende Vergangenheit erhielten. Ein Fülle von Informationen bot auch der Projektmarkt im Innenhof der Humboldt-Universität, auf dem sich zahlreiche Institutionen und Vereinigungen – Stiftungen,  wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Aufarbeitungsinitiativen, Einrichtungen der politischen Bildung, Verlage – mit ihren Publikationen und Projekten präsentieren konnten. Auch Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. war dort vertreten und informierte über die Projekte der Vereinigung sowie über die Arbeit der Regionalen Arbeitsgruppen.

Neben Podiumsdiskussionen, Workshops und Vorträgen gab es auch eine Fülle von kulturellen Veranstaltungen, die den Festivalcharakter des Geschichtsforums betonten. So fand im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums das polnisch-deutsche Jazzfestival „Sounds – No Walls“ statt. Im Zeughauskino zeigte das Deutsche Historische Museum „Scheiden tut weh“, eine Filmreihe mit Nach-Wende-Spielfilmen; im Maxim Gorki Theater fand das Theaterspektakel „Korrekturen! Die Geschichte ist nicht zu Ende“ mit Theaterstücken, szenischen Collagen und Lesungen statt. Auf den Freiflächen zwischen Humboldt-Universität, Deutschem Historischem Museum und Maxim Gorki Theater waren Plakatausstellungen und Installationen zu bewundern. Einige der kulturellen Veranstaltungen nahmen auch ironisch Bezug auf die Geschichtsschreibung seit der Zeitenwende, so der theatrale Staffellauf „1989 – Wie’s im Buche steht“. 15.000 Buchtitel wurden hierfür zu einem Gedicht verarbeitet und 68 Stunden lang mit über 350 Freiwilligen sprechend über den Campus des Geschichtsforums und durch ganz Berlin getragen.

Die Zusammenschau aus Diskussionen und künstlerischen Veranstaltungen auf dem Geschichtsforum ermöglichte dem breiten Besucherspektrum eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der Geschichte: „Sehr bunt, sehr vielfältig, sehr anregend,“ resümierte ein Teilnehmer.

Eine Programmrückschau ist unter www.geschichtsforum09.de zu finden. Auf der Webseite stehen zusammenfassende Audio- und Videopodcasts bereit. Darunter auch Interviews mit Beteiligten, etwa Timothy Garton Ash, Joachim Gauck, Norbert Blüm, Jens Bisky, Dipesh Chakrabarty, Vaira Vike-Freiberga und vielen anderen.